Psychologie Kulturkritik

Memes oder ein Internet gegen die Traurigkeit

26 März 2022

Markus Thiele

Memes oder ein Internet gegen die Traurigkeit

Kürzlich veröffentlichte die Reihe Kunstforum (Bd. 279) eine Ausgabe zum Thema Memes.
Memes sind Bilder, die mit einem pointierten Kurztext versehen sind. Mitunter beginnend mit: „Me, trying to…“ Memes verbinden Bild und Bild oder Bild und Text im besten Fall so elegant, dass sie weite Verbreitung im Netz finden. „Memes zeichnen sich in der Regel nicht durch Ernsthaftigkeit aus und so ist es umso erstaunlicher, dass ihre mannigfaltigen Umgangsweisen mit Humor nun zunehmend mit dem Therapeutischen in Verbindung gebracht werden“, schreibt Anna Kipke im Kunstforum.

Die Literaturwissenschaftlerin Emily Apter verweist sogar auf die „antidepressive Funktion“ von Memes. Sogenannte Trauma Memes verbinden im Speziellen Bild und Texte über Depression, Traumata oder unglückliche Beziehungsverhältnisse. Der Ambivalenz gebende Aspekt des Humors ist es, der auch im therapeutischen Kontext einen Zugang zur eigenen Kontrolle über den Schmerz geben kann. Die Möglichkeit ein Trauma durch ein gelungenes Meme in einen Möglichkeitsraum der Heilung zu übersetzen, scheint zunächst absurd. An die heilende Kraft von Bildern zu glauben, ist allerdings eine vertrautere These.

Was wir zur Zeit erleben, ist eine neue Öffentlichkeit der Depression. Eine Entwicklung hin zur Entstigmatisierung: Validation durch Memes, Literatur, Fernsehen, Instagram-Stories und anderweitige Posts in den Sozialen Medien. Nur entsteht dabei schnell der Eindruck: Depression wird zum Kassenschlager.

Haben wir es also mit einem Internet gegen die Traurigkeit zu tun? Haben Swipen, Timelinescrollen und ausufernde Bildschirmzeit doch einen tieferen Sinn? Immerhin bieten Apps in den USA bereits Paartherapien an. Download statt lästige Suche nach dem richtigen Therapeuten. Das Start-Up „Dearest“ übersetzt den Trend in den deutschsprachigen Raum.

Einerseits sind die Medien voll mit den großen Krisen unserer Zeit – mit der Corona-Pandemie, dem Krieg in der Ukraine – andererseits tauchen zwischen den bedrohlichen Nachrichten mehr und mehr Artikel über den Umgang mit Krisen für den Hausgebrauch auf. Depression in Echtzeit: Fokussierte Posts auf den durch Depression beschwerlichen Alltag. Kurzweilig, aber auf diese Weise vielleicht auch trostspendend?

Aktiv wird dagegen angeschrieben, dass Kunst aus Depression heraus entsteht, denn aus der Depression entsteht erstmal von sich aus nichts, so Ronja von Rönne kürzlich in der Zeit.

Das Thema Depression hat aber auch seine Prominenz in der Öffentlichkeit u. a. über Prominente wie Kurt Krömer, Torsten Sträter, Ronja von Rönne und Benjamin Maack erlangt, um nur einige zu nennen, die sich geoutet haben, von der Krankheit betroffen zu sein. Und eine Folge des reichweitestarken ZDF-Magazins Royale (4.2.22) drehte sich darum, wie schwer es ist, einen Psychotherapieplatz bei einer psychischen Erkrankung zu bekommen.

Das Narrativ eines schillernden Autorinnen- oder Komikerlebens erweitert sich um den Aspekt der Depression. Entweder liest es sich dadurch weniger schillernd oder die Depression bekommt einen Schimmer ab. Aktiv wird dagegen angeschrieben, dass Kunst aus Depression heraus entsteht, denn aus der Depression entsteht erstmal von sich aus nichts, so Ronja von Rönne kürzlich in der Zeit. Depression ist nämlich Anti-Produktion.

Erweitert sich das Feld der Wahrnehmbarkeit von Depression durch Sichtbarmachung, folgt im besten Fall eine höhere Akzeptanz. Denn die Depression lässt sich weiterhin schwer in unsere auf Funktionalität und Profitmaximierung basierende Gesellschaft integrieren. Sie ist zugleich Produkt und auch ihr Feind. Daraus entsteht die schädliche Scham bei den Erkrankten.

Aber wie kann es sein, selbst kaum noch den Weg ins Bad zu schaffen und von anderen lesen zu können, dass es ihnen wohl genauso, dennoch besser geht, weil sie immerhin die Kraft zum Ausdruck besitzen?

In der öffentlichen Darstellung von Depression steckt ein Gelingen, von dem sich die Depression doch so weit entfernt anfühlt. Das Internet bietet Raum für Identifikation, aber eben auch der misslingenden Art. Vergleiche mit anderen sind bei einer Depression oder Angststörung zumeist dysfunktional. Der Vergleich bietet zwar Informationen, die helfen, sich selbst im sozialen Kontext einzuordnen, jedoch ist der Aufwärts- oder Abwärtsvergleich zugleich eine Falle.

Heilung ist von der öffentlichen Darstellung einer Depression erstmal nicht zu erwarten, aber immerhin ein spürbar sich veränderndes Bewusstsein für eine Krankheit, die ihrer eigenen Logik folgt. Dass es einigen Prominenten gelingt, ihrer Depression in der Öffentlichkeit Ausdruck zu verleihen, kann die Hürde für andere abbauen, darüber zu sprechen. Denn nur auf diese Weise kann der Weg zur therapeutischen Behandlung überhaupt in Gang gesetzt werden.