Psychologie Kulturkritik

Into the Wild

26 September 2015

Markus Thiele

Into the Wild

Wild sein ist eine tiefe Sehnsucht: Eine Phantasie unseres Selbst, die in der Natur verankert ist. Eine Kultur jenseits der Selbst-Domestizierung, welche in absoluter Zwanglosigkeit aufginge – im Gegensatz zum anwachsenden Fortschrittscredo der Gegenwart. Die Ablehnung der überlebenswichtigen Alltagsordnung. Die Unordnung der Anordnung. Zum Wildsein braucht es aber keine Harley in der midlifecrisis. Gemeint ist hier die Wildnis, die die Natur für den Menschen bereithält. Die Zivilisationslosigkeit. Klappe: In dem Film, um den es hier gehen soll, ist die letztendliche Erkenntnis, dass Glück nur dann echt ist, wenn man es teilt.

In Sean Penns Verfilmung von Into the Wild begibt sich der Anfang zwanzigjährige Christopher McCandless auf eine zweijährige Reise von Atlanta bis nach Alaska. Die Verfilmung basiert auf der Romanvorlage von Jon Krakauer. Dieser hat aus Notizen und Interviews die Rekonstruktion der symbolisch aufgeladenen Lebensgeschichte im Jahr 1996, vier Jahre nach McCandless Tod, veröffentlicht.

Into the Wild handelt von der Geschichte des nach Glück und Freiheit strebenden McCandless, der sich als Teil seiner Transformation in Alexander Supertramp umbenennt. Filmisch erzählt im Wechsel von Begegnungen und Stationen auf seiner Reise. Rückblicke in die Vergangenheit mit seinen Eltern und seiner Schwester und der tödlich endenden Aufenthaltsphase im „Magic Bus“ – einem ausgebauten Bulli, der bis vor Kurzem noch zur Besichtigung am Originalplatz Platz zu finden war, in Fairbanks nahe des nördlichen Polarkreises.

Die Geschichte des amerikanischen Jungen ist sowohl schillernd als zugleich auch tief tragisch. Das Faszinosum „Unabhängigkeit“ verkehrt sich – in Anbetracht widriger Überlebensumstände für die Bedürfnisse eines kultivierten Menschen – in eine schmerzhafte Angewiesenheit auf das Überlebensnotwendigste.

Supertramps Streben ist im gleichen Sinn eine Abkehr. In seinem tragischen Fall endet diese tödlich. Sein Streben ist also ebenso sein Sterben. In den Rückblenden des Films wird eine Familiengeschichte erzählt, in der Gewalt und Status eine große Rolle spielen. McCandless ist in diesem Szenario das klassische verkannte Kind, dessen Bedürfnisse nicht befriedigt werden, aber die der Eltern. So soll er anläßlich seines College-Abschlusses sein geliebtes altes Auto gegen ein modernes, von seinen Eltern geschenktes tauschen. Was auch Fürsorge und Großzügigkeit sein könnte, wird hier zu einer Geste der Bevormundung.

Die Form, die er wählt, der Zivilisation nach und nach den Rücken zu kehren, ohne ordentlich Abschied von ihr zu nehmen, drückt in seiner Radikalität aus, welche schwer zu verändernde, gestörte Beziehung er zu seinen Eltern respektive der Gesellschaft hat. Chris Schwester Carine McCandless hat ein Buch über ihren Bruder geschrieben, über das sie in einem Interview 2015 sagt: „Wir sind in einer gewalttätigen und dysfunktionalen Familie aufgewachsen. Schon als wir Kinder waren, wurde uns gesagt, dass wir, Chris und ich, angeblich Schuld an allen unseren Problemen, an unserer chaotischen Lebenssituation seien.“ Hinzu kam körperliche Gewalt.

Into the Wild schildert den Tod eines jungen Mannes in der Wildnis, der Natur mit Natürlichkeit verwechselt hat. Wild zu erlegen, Pflanzen ihren Wirkungen nach zuzuordnen – nichts, was für einen in Amerika aufgewachsenen Mann der Intuition nach gelingt.

Lacans Theorie des Nom-du-Père, des symbolischen Vaters, reflektiert eine gelingende Mutter-Vater-Kind-Triade: Die Figur des Vaters ermöglicht ein geordnetes Verhältnis zur Mutter, indem er das Kind im übertragenen wie wörtlichen Sinne von der Mutterbrust löst. Dieser Prozess setzt das Begehren im Kind frei, welches dann nicht nur wie zuvor das Begehren der Mutter herbeiwünscht, sondern sodann freier agieren kann.

Im Verhältnis Mutter-Kind wird durch die Position des symbolischen Vaters in dieser Entwicklung ein notwendiger Autonomieprozess in Gang gesetzt. Aber wie ist dieser umgekehrt auf das Vater-Kind-Verhältnis, in diesem Fall Vater-Sohn, gelingend zu vollziehen. Der symbolische Vater garantiert die Gesetzmäßigkeiten der symbolischen Ordnung. Darüber hinaus ist er derjenige, der es dem Subjekt ermöglicht, einen festen Platz in der symbolischen Ordnung zu finden, sowohl in der Gesellschaft als auch in der Familie. Strukturen, die in gesunder Folge dann das Über-Ich regulieren. McCandless hat den ihm vorgeschlagenen Platz in der Gesellschaft abgelehnt. Auf den Film bezogen, wird der abrupte Ablösungsprozess vom Vater und somit der fehlende Verlass auf eine stabil regulierende Ich-Instanz als Desaster geschildert.

Into the Wild schildert den Tod eines jungen Mannes in der Wildnis, der Natur mit Natürlichkeit verwechselt hat. Wild zu erlegen, Pflanzen ihren Wirkungen nach zuzuordnen – nichts, was einem in den Städten Amerikas aufgewachsenen Mann intuitiv nach gelingt. Sein Tod ist aber nicht nur das Ende seiner Reise, sondern auch die Realisierung einer der größten Ängste im Ablösungsprozess, dass die Ablösung vom Vater tödlich enden könnte. Ablösung (engl. detachment als Gegenteil von attachment – Anhang) hat aber nicht das Ende, sondern eigentlich Autonomie zum Ziel und löst im besten Sinne überfällige Abhängigkeitsbeziehungen auf.

Into the Wild ist also neben aller Tragik auch die Einsicht in die Notwendigkeit von symbolischer Ordnung, vom Gesetz gegenüber der Wildnis. Das „kranke“ Vaterverhältnis verlangt hier nicht nur das Aufgeben von gemeinsamen Werten, sondern fordert am Ende tragischerweise den Tod des Protagonisten, der sich in der Wildnis nicht auf eine Ordnung mit sich selbst einigen kann, sondern sich selbst im Wildsein auflöst. Er stirbt an den Folgen absoluter Unordnung. Gefangen in der Wildnis.

Käme er in die Stadt zurück, wäre er im Spiegel der Wildnis ein Obdachloser. In der Wildnis reich, auf dem Trottoir einer Großstadt arm. Beeindruckend, wenn auch nur kurz, wird McCandless Vater gezeigt, wie er auf eben einem dieser Bürgersteige zusammenbricht. Die Abkehr seines Sohnes hat ihn gezeichnet. Sein Schmerz ist sichtbar und verwundet ihn.

Liebe ist die kleinste Einheit von Zivilisation. Im Laufe seiner Reise wird Supertramp in verschiedenen Szenarien als Sohn begehrt. Ein Sohn, der im höchsten Maße aufbegehrt, will aber genau das nicht. Auch lehnt er folgerichtig die Gesellschaft der Anti-Gesellschaft (hier einer Hippie-Kommune) ab. Und so zieht er voller Willenskraft auf dem schmalen Grat von Freiheit und Bedrohlichkeit allein weiter bis in den Tod. Getragen von der illusionären Erkenntnis: „Die Zerbrechlichkeit von Kristall ist keine Schwäche, sondern Feinheit.“